Die ehemalige jüdische Kinderheilstätte in Bad Nauheim

Das große dreigeschossige Gebäude mit Doppelgiebel und Neo-Renaissance-Motiven wurde 1898 mit der Spende wohlhabender Frankfurter Juden, darunter Baronin Mathilde von Rothschild, als israelitische Kinderheilstätte für kranke Kinder armer jüdischer Familien erbaut.

Die als „Prachtbau“ bezeichnet Einrichtung wurde allen therapeutischen Erfordernissen gerecht. Die Kinderheilstätte besaß neben einem Isolierhaus für eventuell ansteckende Krankheiten einen 7000 qm großen Garten mit Spiel- und Turnplätzen und eine noch heute vorhandene überdachte Gartenhalle. Die Leitung der Kinderheilstätte hatte Sanitätsrat Dr. Hirsch. Eine Kur für die Kinder dauerte 4 Wochen.

 

In der Zeit des Nationalsozialismus wurde die Kinderheilstätte 1936 aus wirtschaftlichen Gründen geschlossen. Aber bereits 1937 konnte das Gebäude als Jüdische Bezirksschule vielen jüdischen Kindern aus der Region wieder einen geregelten Schulunterricht anbieten.

Die Schule hatte von der 1. bis zur 9. Klasse etwa 160 Kindern, wovon die Hälfte im Internat lebte.

 

In der Reichspogromnacht im November 1938 wurde die Schule aufgebrochen und verwüstet.  Die Scheiben wurden eingeschlagen, und die Gebetbücher mit Benzin übergossen und verbrannt. Ende Mai 1939 wurde die Schule aufgelöst. Die Kinder gingen zurück zu ihren Eltern in die umliegenden Ortschaften, von wo aus sie drei Jahre später verschleppt und ermordet wurden.

Die Namen vieler Kinder aus der jüdischen Bezirksschule stehen auf dem Holocaust-Erinnerungsmal an der Parkstraße in Bad Nauheim.

 

Die Stadt Bad Nauheim erwarb das Haus im September 1940 und stellte es der NSDAP-Hitlerjugend zur Durchführung der Kinderlandverschickung zur Verfügung. Nach dem Krieg beschlagnahmten die Amerikaner das Gebäude und richteten ein Erholungsheim für jüdische Kinder ein, wo sie auf eine Ausreise nach Palästina oder in die USA vorbereitet wurden.

 

1949 kaufte die Stadt Bad Nauheim das Gebäude und nutzte es für verschiedene Schulen. Dazu zählte die Kaufmännische Berufsschule, die Waldorfschule und seit Mai 2010 die Sophie-Scholl-Schule, eine inklusive Grundschule. Vorrübergehend wurden die Unterrichtsräume auch von der Stadtschule an der Wilhelmskirche genutzt.

 

Am Portal des Hauptgebäudes ist eine Gedenktafel angebracht. Sie trägt die Inschrift:

 

1898 als jüdisches Kinderheim eingeweiht,

war dieses Haus von 1937 bis 1940 jüdische Bezirksschule. Kinder und ihre Lehrer wurden Opfer des NS-Regimes.

 

Ihr Leid möge uns Botschaft sein, damit die Finsternis das Licht begreife.

Text aus "Geschichte der Frankfurter Loge", 1928, Seite 40,  Der Text wurde von B´nai B´rith Frankfurt Schönstadt Loge e.V. zur Verfügung gestellt.
Text aus "Geschichte der Frankfurter Loge", 1928, Seite 40, Der Text wurde von B´nai B´rith Frankfurt Schönstadt Loge e.V. zur Verfügung gestellt.